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Vietnam Fokus 3/2008 vom 15.Juli 2008
Vietnam

Sprudelnde Investitionen aber Handelsbilanzdefizit

Von Jan Nöther (AHK Vietnam)

Vietnam gilt weltweit als einer der bevorzugten Investitionsstandorte ? Vietnam verfügt über eine nahezu unerschöpfliches Reservoir an jungen, bildungshungrigen und vor allem fleißigen Menschen ? Vietnam liegt äußerst zentral in Südostasien ? Vietnams Politik genießt zunehmenden internationalen Einfluss ? Vietnam ist seit eineinhalb Jahren Mitglied der Welthandelsorganisation!

Während sich die positiven Attribute häufen und für eine goldene Zukunft stehen, deuten andere Zeichen auf eine zumindest vorübergehende Abkühlung des Wirtschaftsaufschwunges hin. Inflationsängste, Liquiditätsengpässe, Börsenschwäche, Immobilienblase, der Abwertungsdruck auf die lokale Währung und die zunehmende Ausweitung des Handelsbilanzdefizits bereiten nicht nur der vietnamesischen Regierung Kopfzerbrechen, auch das junge Pflänzchen ?Marktwirtschaft Vietnam? gerät unter Druck.

Die ersten vier Monate 2008 verzeichneten mit 29,4 Milliarden US-Dollar (+71%) eine deutliche Zunahme an Importleistungen ? vorrangig von Investitionsgütern und Baumaterialien wie Stahl nach Vietnam als Konsequenz der seit dem WTO-Beitritt stark zunehmenden Auslandsinvestitionen sowie der Umsetzung lokaler Infrastrukturprojekte. Gleichermaßen verzeichnete die exportorientierte Industrie mit einer Steigerung von 21,4 Prozent auf 18,1 Milliarden US-Dollar verhältnismäßig geringe Zuwachsraten. Infolgedessen nimmt das Handelsbilanzdefizit für diese noch kleine Volkswirtschaft Ausmaße an, mit denen selbst die volkswirtschaftliche Abteilung der Regierung noch vor wenigen Monaten nicht rechnete. Ein Blick auf die Qualität der nach wie vor sprudelnden ausländischen Direktinvestitionen lässt vermuten, dass sich in naher Zukunft keine Trendwende herbeiführen lässt, zu hoch ist der Anteil an langfristig ausgerichteten Immobilienprojekten, zu gering die Investitionen der produzierenden, auf Exporte ausgerichteten Industrie.

Die Regierung in Hanoi zieht alle Register und veröffentlichte einen Sieben-Punkte Plan, der seitens der Weltbank und anderen führenden Organisationen begrüßt wird. Positive Auswirkungen des Maßnahmenkatalogs lassen angesichts weltweit steigender Preise für Baumaterialien, Stahl, Nahrungsmitteln und anderen in Vietnam nachgefragten oder einzuführenden Güter auf sich warten. Die seitens der Regierung formulierten Verordnungen zielen auf eine Erhöhung der Exporte bei gleichzeitiger Kontrolle von Importen ab. Exportorientierte Projekte ausländischer Unternehmen sollten demnach beschleunigt umgesetzt werden, die Produktivität einheimischer Unternehmen deutlich verbessert und mittelfristig margenträchtige, technologieorientierte Industrien in Vietnam angesiedelt werden. Gleichzeitig werden nicht rentable Staatsunternehmen einer kritischen Betrachtung unterzogen und nicht dringend durchzuführende Großprojekte wie etwa die Neubauten verschiedener Ministerien in die Zukunft verschoben.

Zwar werden die vorgenannten und andere hier nicht aufgeführte Maßnahmen als richtig und erforderlich beschrieben, dennoch wird der Ruf der Exporteure lauter, den gegenüber der US-Währung in engen Bandbreiten gehandelten vietnamesischen Dong einer Abwertung zu unterziehen. Die lokale Währung wird derzeit mit einem Umtauschkurs von etwa 16.200 Dong für einen US-Dollar gehandelt, das Abwertungspotential wird bei 20.000 bis 22.000 für einen US-Dollar gesehen. Ob die

Probleme mit einer Abwertung der lokalen Währung gelöst werden, dürfte allerdings nicht abschließend geklärt sein.

Die hauptsächlich in US-Währung fakturierten Waren aus Vietnam haben überwiegend den Charakter von ?Commodities?, dass heisst Preise sind in der Regel nur schwerlich beeinflussbar. Eine mittelbare Erhöhung der Exporte ist darstellbar, wenn die zusätzlich generierten Dong-Überschüsse investiv verwendet werden, beispielsweise in Produktionsausweitungen eingebracht werden. Dies wird angesichts einer lokalen Inflationsrate von 25 Prozent nur schwerlich möglich sein.

Gerechnet werden muss mit der zumindest teilweisen Weitergabe der Exporterlöse an die Angestellten in Form von Lohnerhöhungen in zweistelligen Größenordungen. Insofern würden mit einer Währungsabwertung kurzfristig auftretende lokale Befindlichkeiten befriedigt werden. Sie würde hingegen Importzahlungen verteuern, was sich angesichts der Strukturierung einer Industrie ohne größere lokal aufgebaute Zulieferkapazitäten nur schwer verkraften ließe. Vietnamesische Staatsbetriebe gelten als nach wie vor wenig rentabel, die Dong-Abwertung würde viele dieser Unternehmen eine nicht mehr zu verkraftende Belastung darstellen.

So läßt sich vermuten, dass die vietnamesische Regierung in der Abwertung der lokalen Währung zumindest gegenwärtig keine langfristig tragbare Lösung sieht. Die Industrie soll einen Beitrag zur Bekämpfung der Probleme leisten und besser werden.

Die ausländischen Direktinvestoren bewerten die gegenwärtige Situation als Konsequenz der anhaltend hohen Nachfrage, sehen allerdings einen dringenden Handlungsbedarf. Der Glaube an Vietnam erscheint dennoch unerschütterlich: In den ersten vier Monaten 2008 wurden 15,3 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen zugesagt, im Rekordjahr 2007 waren es insgesamt 20,2 Milliarden US-Dollar.

 

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