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Vietnam Fokus 4/2008 vom 15. September 2008
Vietnam

Ausländische Investoren sehr aktiv

Von Helmut Kahlert (gtai)

Ausländische Investoren demonstrieren weiterhin ihr Vertrauen in die Wachstumsperspektiven der vietnamesischen Wirtschaft, obwohl diese nach einer Phase deutlicher Überhitzung vorübergehend einen Gang zurückschalten könnte.

Wie das Ministry of Planning and Investment einem Bericht der Zeitung "Financial Times" zufolge mitteilte, haben sich die Zusagen für Direktinvestitionen im 1. Halbjahr 2008 im Vergleich zum Vorjahresvergleichszeitraum auf Dollar-Basis mehr als verdreifacht (2007: 21,0 Mrd. US$).

Dennoch nahm die Regierung ihre Wachstumsprognose für das Gesamtjahr inzwischen deutlich zurück.

"Asiens neuer Tiger" macht erstmals seit einigen Jahren etwas kleinere Sprünge. Seit Anfang 2008 verlor der lange Zeit steil nach oben gehende Aktienindex mehr als 60 Prozent seines Wertes und erholt sich nach einer langen Durststrecke nur wenig. Hanoi plant Meldungen zufolge den Aufbau eines Stützungsfonds. Zu der Talfahrt trug zuletzt die Ankündigung einer Abwertung der Landeswährung Dong bei, mittels der die Behörden den nicht mehr so florierenden Export (Januar bis April: +27,6%) ankurbeln und das Loch in der Handelsbilanz verkleinern wollen. Auch wegen der ungebremst boomenden Importe (+71%) ist der Saldo imAußenhandel noch stärker ins Minus gerutscht.

In vielen Bereichen übersteigt die Nachfrage der Unternehmen nach Rohstoffen und Kapitalgütern derzeit wegen der anhaltend hohen Investitionstätigkeit die Liefermöglichkeiten der Binnenwirtschaft bei weitem. Zwischen Januar und Mai 2008 türmte sich so ein Fehlbetrag von mehr als 14 Milliarden US-Dollar in der Handelsbilanz auf - ein Minus, das 2007 im Gesamtjahr aufgelaufen war. Für die ersten sechs Monate erwartete die Regierung gar ein Minus von nahezu 17 Milliarden US-Dollar. Das Leistungsbilanzdefizit wird von Seiten des Internationalen Währungsfonds auf etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt und ist damit derzeit eines der höchsten in ganz Asien. Die Zentralbank in Hanoi hat inzwischen als Antwort den Kurs des Dong um zwei Prozent abgewertet und gleichzeitig den Basiszinssatz für die Banken auf 14 Prozent erhöht. Das bis vor kurzem hohe Kreditwachstum wurde damit inzwischen eingedämmt.

Ob eine kontrollierte Abwertung der Parität die Ausfuhren wirkungsvoll ankurbeln könnte, ist indes unter Experten umstritten. Diese Maßnahme würde zwar die Wettbewerbsfähigkeit vietnamesischer Produkte auf wichtigen ausländischen Märkten, insbesondere in den USA, erhöhen, jedoch gleichzeitig die Einfuhr von notwendigen Kapitalgütern und Rohstoffen verteuern. Im Mai 2008 lag das inländische Preisniveau um mehr als ein Viertel über dem Vorjahresstand. Während viele Unternehmen mit knappen und teuren Ressourcen kalkulieren müssen, machen stark steigende Ausgaben für Energie und Nahrungsmittel der Bevölkerung das Leben schwer. Etwaige Abwertungsgewinne würden angesichts der hohen Inflationsratenin Form höherer Löhne in die Taschen der Arbeitnehmer wandern, die in letzter Zeit bereits mit entsprechenden Forderungen vorstellig geworden sind.

Bestandteil eines im Juni veröffentlichten Krisenplanes der Regierung sind auch Maßnahmen zur Produktionsausweitung sowie zur Steigerung der Ausfuhr. Unter anderem werden exportorientierte Projekte ausländischer Firmen bevorzugt genehmigt. Gleichzeitig soll die Dringlichkeit von Einfuhren - wo möglich schärfer überprüft werden. Unrentable Staatsbetriebe müssen mit Mittelkürzungen rechnen, und weniger dringliche Großprojekte in dem Sektor sollen aufgeschoben werden. Nach einer Meldung des Statistischen Amtes hat die Industrieproduktion im 1. Halbjahr 2008 nominal um etwa 16,5 Prozent zugelegt und umgerechnet einen Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar erreicht.

Insgesamt soll die Wirtschaft nach den Vorstellungen der Administration 2008 "nur" noch um etwa siebenProzent wachsen - eine Marke, die dem Vernehmen nach im 1. Halbjahr ungefähr erreicht wurde. Gelingt esnicht, die überhitzte Konjunktur unter Kontrolle zu bringen, gerät die Währung nach Meinung vonBeobachtern trotz hoher Reserven stärker unter Druck. Die Rating-Agentur Standard & Poors's stufte denAusblick für Vietnams Verbindlichkeiten im Mai auf "negativ" herunter. Auch ein Überspringen vonTurbulenzen auf Länder mit ähnlichen Preisproblemen gilt als Gefahr. Langfristig werde das Wachstum desjüngsten "Tigers" wieder auf zweistellige Sätze klettern, sind die Anhänger von Vietnams "realexistierendem Kapitalismus" indes überzeugt - und das noch bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts.

 

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