Asien Kurier  7/2009 vom 1. Juli 2009
Asien

Bullenmarkt oder B´┐Żrenfalle?

Von Horst Rudolf in Bonn

Vier Wochen zogen sich die Wahlen in Indien, der "gr´┐Ż´┐Żten Demokratie der Welt" hin, dann stand das Ergebnis fest: vorerst kein Chaos, sondern Kontinuit´┐Żt, Stabilit´┐Żt und mehr Marktwirtschaft. 40 Sekunden dauerte es am Montag danach lediglich, bis die Computer in Mumbai die B´┐Żrse zum Stillstand zwangen - es war, als ob die 714 Millionen W´┐Żhler wieder soviel Vertrauen in die Zukunft hatten, dass sie wie in einer riesigen Bullenstampede Aktien kauften - aber nur 40 Sekunden lang.

Dann waren der SENSEX, der "Bombay Stock Exchange Sensitive Index" um 17 Prozent nach oben geschossen (Seite 2), mehr als fr´┐Żher in einem ganzen Jahr, als die elektronische Notbremse gezogen wurde - ein Weltrekord des B´┐Żrsen-Kapitalismus. H´┐Żtte das Sicherungssystem versagt, so sch´┐Żtzen Experten, w´┐Żren die Kurse an diesem Tag bis zu 40 Prozent gestiegen. Am n´┐Żchsten Tag kehrte wieder Vernunft ein und den entt´┐Żuschten Spekulanten wurde schnell klar, dass sie auch schnell h´┐Żtten 30 Prozent verlieren k´┐Żnnen - B´┐Żrsen sind keine Einbahnstra´┐Żen, schon gar nicht, wenn Spieler die Ampeln steuern.

Zur selben Zeit d´┐Żmpelte der ´┐ŻDow Jones´┐Ż seitw´┐Żrts vor sich hin. Denn nach dem Einbruch der Weltb´┐Żrsen vom Herbst 2008 bis Anfang M´┐Żrz 2009 war es zu einer V-f´┐Żrmigen massiven Erholung gekommen, die die irritierten Zocker ebenso wie biedere Anleger in den meisten F´┐Żllen ´┐Żberrascht hatte.

Jetzt l´┐Żsst der Konjunkturaufschwung vor allem im Westen weiter auf sich warten; erneute Zweifel kommen auf, ob die Krise nicht zum Dauerbrenner wird.

Damit stellt sich f´┐Żr unsere asienorientierten Leser die Frage: bleiben auch sie im Bremsman´┐Żver der angeschlagenen Finanzm´┐Żrkte der Alten Welt gefangen, oder kommt es zu einem "decoupling". Auf Deutsch: k´┐Żnnen sich die "BRICs" von den tiefsitzenden Problemen der USA, Europas und Japans abkoppeln, und welche Auswirkungen k´┐Żnnte dies auf deren B´┐Żrsen haben? "BRICs"? Werden sich viel Leser fragen, denn zeitgleich mit fallenden Preisen stiegen die - h´┐Żufig verschleiernden - Wortsch´┐Żpfungen inflation´┐Żr an. Die Sachsenbank scheiterte nicht an mangelnden Englischkenntnissen, sondern an "Subprimes", und bei der KfW hatten Beamte nicht nur die Pleite der Lehman Brothers verschlafen, sondern wahrscheinlich nicht verstanden, dass "CDS" f´┐Żr "Credit Default Swaps" stand, die gef´┐Żhrlicher als Kommunismus sind - zumindest derzeit.

BRIC steht f´┐Żr Brasilien, Russland, Indien und China - und man ´┐Żberlegt, ob man noch ein "I" f´┐Żr Indonesien anh´┐Żngen sollte. Diese L´┐Żnder stehen heute f´┐Żr das Gegenteil von "Brick and Mortar" - Ziegel und M´┐Żrtel, dem Symbol f´┐Żr die absteigenden Industrienationen, deren Probleme durch Detroit symbolisiert werden.

Ebenso symbolisch war der B´┐Żrsenrausch an der BSE, der B´┐Żrse in Mumbai, zeigte er doch die unglaubliche Vitalit´┐Żt eines Schwellenlandes, auch wenn es nicht nur kapitalkr´┐Żftige Anleger, sondern auch neu entstandene Massen von Spielern sind, die das Geschehen bestimmen.

Fareed Zakaria, weltbekannter CNN-Kommentator, hat mit seinem Buch "Die nachamerikanische Welt" Hausaufgaben f´┐Żr die Zukunft gemacht: er glaubt an die Chance einer substanziellen Abkoppelung der "BRICs", das baldige Entstehen lokaler Kaufkraft und regionaler M´┐Żrkte und setzt dabei vor allem auf Asien und Brasilien.

Denn im Gegensatz zu den v´┐Żllig verschuldeten und defizit´┐Żren USA oder den ebenso geschw´┐Żchten Staaten Europas gibt es vor allem in Asien keine gro´┐Żen L´┐Żcher, sondern noch einige L´┐Żnder mit volle Kassen. Nat´┐Żrlich ist der R´┐Żckgang der Exporte f´┐Żr den Westen ein f´┐Żhlbarer Schlag, doch sind davon nur einige Sektoren sp´┐Żrbar betroffen, andere bleiben durchaus stabil oder zeigen sogar steigende Tendenz.

Im letzten Quartal 2008 ´┐Ż als in den USA und Europa Horror-Szenarien die Rund machten ´┐Ż gab es in Indien keine gr´┐Ż´┐Żere Bank, die Verluste machte. Indonesien reduzierte seine Verschuldung um 70 Prozent, Brasilien erreicht eine positive Au´┐Żenbilanz und China sitzt auf 2 Milliarden US-Dollar Reserven ´┐Ż bei einem Haushaltsdefizit von gerade mal 3 Prozent vom BIP.

Diese Analyse wichtiger Basisdaten zeigt: w´┐Żhrend die Erholung der US- und Eurob´┐Żrsen eher religi´┐Żsen Charakter hat, basiert die Seele aller B´┐Żrsenkurse, das "Prinzip Hoffnung" in Asien immer noch - oder schon wieder - auf echte Kassenbest´┐Żnde und glaubw´┐Żrdige ´┐Żkonomische Substanz - Shanghai ist das Gegenteil von Detroit. Die Kurserholung in Shanghai verlief mit 45 Prozent zwar unter heftigen Schwankungen, doch stehen dahinter nicht nur Zockerpapiere, sondern Finanztitel, wie sie fr´┐Żher nur in New York gehandelt wurden.

W´┐Żhrend die gr´┐Ż´┐Żte Versicherung der Welt in den USA um ihr ´┐Żberleben k´┐Żmpft, hatte sich die in Shanghai gehandelte "China Life Insurance" bereits 2007 zum drittgr´┐Ż´┐Żten Versicherer weltweit etabliert - vorerst weitgehend unbemerkt. Und stand der US-Riese AIG am Jahresbeginn 2008 mit 58 Milliarden US-Dollar immer noch an erster Stelle, war es nach wenigen Monaten der Krise vorbei mit fetten Profiten. China Life hingegen beschloss die Jahresbilanz mit der Rekordposition von 110 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung.

Dass Shanghai auch weiterhin im Schatten des "alten" Hongkong steht, liegt vor allem daran, dass bis heute fast ausschlie´┐Żlich nationale chinesische Werte gehandelt werden und die B´┐Żrse f´┐Żr ausl´┐Żndische Investoren noch weitgehend verschlossen bleibt. Das hindert die neuen Finanzriesen wie die "ICBC", die "China Construction Bank" und die "Bank of China" nicht daran, Anfang dieses Jahres die weltweit h´┐Żchste Marktkapitalisierung vorzuweisen - wo vor zwei Jahren noch Namen wie "Citigroup" oder "Bank of Amerika" die Ranglisten anf´┐Żhrten.

Selbst bei den traditionellen Vertretern des Gro´┐Żkapitals steht zwar die amerikanische Exxon noch an erster Stelle, doch danach folgt bereits ´┐ŻPetrochina´┐Ż - und die hatte ein Jahr zuvor schon einmal den ersten Platz der Weltrangliste erreicht.

Wenn China - und damit seine B´┐Żrsen - noch ein Krisenproblem hat, dann ist es die bisher zu starke Exportorientierung. Trotzdem k´┐Żnnte sich das Wachstum auf 7 bis 8 Prozent stabilisieren, denn die Regierung hat das Problem l´┐Żngst erkannt.

Kaufkraftanreize lie´┐Żen die Verk´┐Żufe des Einzelhandels bereits im ersten Quartal 2009 um 15 Prozent ansteigen - w´┐Żhrend in Deutschland Karstadt kollabiert, trotz Staatsgeschenke, welche die Steuerzahler nach der Bundestagswahl bezahlen m´┐Żssen.

F´┐Żr Indien k´┐Żnnte das Wachstum 6 Prozent und selbst in Indonesien 4 Prozent erreichen. Doch selbst in krisenanf´┐Żlligen L´┐Żndern, die sich beim Export ´┐Żbernommen haben, laufen die B´┐Żrsenkurse "ges´┐Żnder", als in Europa oder den USA.

Beispiel Thailand: auch wenn die Wirtschaft schwach ist und die Zahl der Arbeitslosen zunimmt, steht der wichtigste B´┐Żrsenindex, der SET (Stock Exchange of Thailand), schon wieder fast 50 Prozent ´┐Żber dem Tiefstand des vergangenen Jahres. Der Grund: wie die meisten L´┐Żnder S´┐Żdostasiens hat auch Thailand vor einem Jahrzehnt in der "Asienkrise" viel Geld verloren, Lehrgeld gezahlt - und davon gelernt. Nun ist zwar die Regierung knapp bei Kasse, doch die Zentralbank sitzt immer noch auf sch´┐Żnen Devisenreserven.

Ebenso wie in China, Indien oder Vietnam wird auch hier der Kapitalexport erschwert, womit f´┐Żr Anleger und Spekulanten die lokalen B´┐Żrsen weiter attraktiv bleiben - zumal ohne Kursrisiko. Umgekehrt legt so mancher westlicher institutioneller Anleger schnell ein paar Euro oder Dollar hier an - das Risiko scheint begrenzt.

Kein Wunder, denn in Kalifornien gehen bei der h´┐Żchsten Staatsverschuldung seit dem zweiten Weltkrieg die Lichter langsam aus, w´┐Żhrend China beim Nachbarn Myanmar nicht nur milliarden-schwere Pipelines verlegt, sondern ganz nebenbei etwa eine Milliarde US-Dollar j´┐Żhrlich in Staudammbauten investiert ´┐Ż Strom f´┐Żr China.

Machen wir eine kleine Pause beim Rundflug durch die asiatischen B´┐Żrsens´┐Żale. Am "Kabuto Cho", der ´┐Żltesten und kapitalst´┐Żrksten B´┐Żrse der ´┐Żstlichen Hemisph´┐Żre, hat die Krise nat´┐Żrlich auch ihre Spuren hinterlassen. Wie die "Wall Street" ist auch hier die Stra´┐Że der Namenspatron f´┐Żr die - inzwischen vollelektronische - B´┐Żrse gewesen, wo der "Nikkei-Index" zumindest etwas repr´┐Żsentativer errechnet wird, als bei der US-Konkurrenz.

Trotzdem handeln die Japaner schon seit langem so viele Aktien, dass auch sie auch noch einen zweiten (und dritten) umfassenden Index errechnen, den "Topix" - f´┐Żr "Tokyo Stock Price Index". Beide haben sich in den vergangenen Monaten tapfer erholt, obwohl der japanische Yen stur auf H´┐Żchstwerten verharrt. Das macht den japanischen Exporten zwar weiter zu schaffen, doch beruht dies unter anderem auf die R´┐Żckabwicklung der sogenannten "Carry-Trades" mit denen sich die Kapitalsucher auf der ganzen Welt in Japan billig finanziert hatten. B´┐Żse Zungen behaupten, der Kurs w´┐Żrde noch st´┐Żrker ansteigen, w´┐Żren nicht erhebliche Teile der Carry Trades in Krisenl´┐Żndern mit hohen Zinsen "verdampft" beziehungsweise bis auf weiteres uneinbringlich.

Die ´┐Żbrigen Asien-B´┐Żrsen sollte man keineswegs untersch´┐Żtzen, auch wenn sie - bis auf den "Hang Seng" in Hongkong - nicht in der obersten Weltliga spielen. Dazu geh´┐Żren Korea, mit dem "Kospi"-Index, Taiwan und Singapur - hier hei´┐Żt das bekannte Kursbarometer "Straits Times Index".

F´┐Żr diese B´┐Żrsen gilt einerseits, dass sie stark vom einbrechenden Welthandel betroffen waren - allen voran die Handels- und Transport-Drehscheibe Singapur - doch auch hier die zugrunde liegenden Kapital- und Devisenpolster die j´┐Żngsten Erholungen nach unten bereits abgesichert hatten.

´┐Żhnliches gilt f´┐Żr die Kapitalm´┐Żrkte und B´┐Żrsen, die nur am Rand Asiens liegen, aber einige Kriterien gemeinsam haben: der Nahe Osten. Doch die Scheichs entwickeln ihre B´┐Żrsen nur langsam, und bisher ´┐Żberwiegend nach amerikanischem Vorbild.

Kein Wunder, denn B´┐Żrsen dienen eigentlich der Kapitalbeschaffung, und bisher hatten die ´┐Żll´┐Żnder nicht das Problem, Kapital zu beschaffen, sondern es sinnvoll loszuwerden oder anzulegen. Doch leistet die aktuelle Krise dazu einen interessanten Betrag, denn angesichts v´┐Żllig ´┐Żberzogener Investitionen zum Beispiel im Bausektor ist die Kapitalverteilung im Golf keineswegs mehr ausgewogen.

Im Jahr 2008 beispielsweise hat die ´┐ŻGolf International Bank´┐Ż 400 Millionen US-Dollar Verluste eingefahren und wird ´┐Żverschlankt´┐Ż, modernisiert und ´┐Żauf zuk´┐Żnftigen Bedarf ausgerichtet´┐Ż - das klingt auch in westlichen Ohren sehr vertraut.

Bahrein hat sich bereits als Bankenplatz der Region etabliert. F´┐Żr die Golfstaaten gilt es als Zentrum f´┐Żr modernes Banking und sogar f´┐Żr die Ausbildung von Bank-Fachleuten. Noch mehr: es gibt bereits eine Banken-Gewerkschaft, die ´┐ŻBanking Union of Bahrain´┐Ż, die den Bankiers angesichts der auch hier sp´┐Żrbaren Kriseneffekte die Leviten liest.

Ohne gro´┐Że Publizit´┐Żt geht auch hier der Trend weg von London, New York oder Frankfurt in die eigene Region. Langfristig werden auch hier M´┐Żrkte f´┐Żr Kapitalanlagen und -bewegungen entstehen, also echte B´┐Żrsen, die um weltweite Kapitalanlagen konkurrieren werden.

Unsere Leser ´┐Ż zumindest diejenigen, die noch nicht durch die harte Schule von B´┐Żrsenverlusten gegangen sind ´┐Ż sollten folgende Trends beachten. Voraussetzung ist nat´┐Żrlich, dass wir auf absehbare Zeit die aktuelle Krise ´┐Żberwinden und das Kapitalistische System nicht jetzt schon an die Wand f´┐Żhrt: Die Erkenntnis, dass B´┐Żrsenkurse auch langfristig nicht unbedingt reale Gewinne aufweisen, wird zwar von den meisten ´┐ŻAnlageberatern´┐Ż geleugnet, doch die Langfrists-Charts sprechen eine andere Sprache. Denn kaum ein Investor schafft es, billig einzukaufen und zu H´┐Żchstkursen zu verkaufen, und Krisen kommen immer zur falschen Zeit.

Die B´┐Żrsen in Asien haben heute ein ´┐Żhnliches Potential ´┐Ż auch wenn schon einiges vorweggenommen wurde ´┐Ż wie die USA, Europa und Japan nach dem zweiten Weltkrieg. Zu den BRIC-Staaten werden sich weitere gesellen, irgendwann ein gro´┐Żer Teil der Dritten Welt.

Doch auch hier werden sich die ´┐ŻZyklen der Erkenntnis´┐Ż wiederholen, wie bei den oben genannten. Der Grund, sich trotzdem verst´┐Żrkt in Asien zu engagieren, ist derselbe, wie vor 50 Jahren vorgef´┐Żhrt: das Wachstumspotential ist echt, die Besch´┐Żftigung auf Jahre oder Jahrzehnte gesichert, die Binnenm´┐Żrkte noch lange nicht ausgesch´┐Żpft.

Wer also zur j´┐Żngeren Generation geh´┐Żrt, oder dem Wachstum der USA nicht mehr traut, wird sich folgerichtig in den neuen M´┐Żrkten umsehen. Doch die Erfahrungen aus den bisherigen Konjunkturzyklen, W´┐Żhrungsbewegungen, Krisen und spekulativen Blasen sollte man tunlichst analysieren ´┐Ż sie werden sich auch hier wiederholen.

Ein westlicher B´┐Żrsenspruch macht nun in Indien die Runde: ´┐ŻWer reich ist, kann spekulieren, wer etwas Geld hat, soll es sicher anlegen, aber wer arm ist, muss spekulieren´┐Ż. 17 Prozent in 40 Sekunden waren der Beweis, dass dies kein dummer Spruch ist. Trotzdem, 3 bis 4 Milliarden Menschen sind Grund genug, dem Kapitalismus eine neue Chance zu geben ´┐Ż auch an den B´┐Żrsen.

"Credit Default" steht f´┐Żr Kreditausfall. Mit diesen Papieren werden vor allem Immobilienrisiken versichert. "Swap" steht f´┐Żr Weitergeben oder Weiterverschieben.

Das Problem besteht darin, dass die "Versicherer", meist auch Banken, die verschiedensten Arten, Laufzeiten und Risiken von Immobilienkrediten aufkauften, b´┐Żndelten - bis zur Unkenntlichkeit f´┐Żr jede Buchhaltung - und dann schnellstens weiterverkauften. Nun liegen diese Swaps billionenschwer und kaum bewertbar in den Computern der Enderwerber, kaum jemand kann ihre Entstehung zur´┐Żckverfolgen".