Asien Kurier  11/2009 vom 1. November 2009
Asien

Milliardenmarkt Medizintourismus

Von Dr. Dore´┐Żn Pick und Daniel M´┐Żller in Berlin

Die asiatische Medizin ist gemeinhin f´┐Żr ihre Fokussierung auf traditionelle Naturheilkundeverfahren bekannt. Krankheiten gelten als Ausweis von seelischen Ungleichgewichten, die durch die Verabreichung von Kr´┐Żutern und Wurzeln wie durch die Anwendung von Massagen und ´┐Żlkuren wieder in eine Balance gebracht werden k´┐Żnnen.

Gleichwohl nimmt der Stellenwert schulmedizinischer Verfahren zwischen Mumbai und Manila kontinuierlich zu. Dabei kommt die Etablierung von international g´┐Żngigen Behandlungsmethoden auch der Tourismusindustrie zugute. Es hat sich gar eine Subsparte herausgebildet, die als Medizintourismus bezeichnet wird. Im engeren Sinn sind damit Reisen gemeint, bei denen ´┐Żrztliche Behandlungen und Operationen im Ausland vorgenommen werden. Hinzu kommen Angebote, die eine Behandlung mit einem touristischen Begleitprogramm kombinieren. Der Markt f´┐Żr derartige Reisen hat inzwischen solche Ausma´┐Że angenommen, dass neben den Anbietern auch die Regierungen bestrebt sind, die vorhandenen Potentiale zu realisieren.

Die Ursache f´┐Żr diesen Trend ist haupts´┐Żchlich in den explodierenden Gesundheitskosten in den westlichen L´┐Żndern zu sehen, welche sowohl Patienten als auch Versicherer nach kosteng´┐Żnstigen Alternativangeboten Ausschau halten lassen. Konnte zun´┐Żchst vor allem Osteuropa von dieser Entwicklung profitieren, gewinnt Asien in diesem Zukunftsmarkt zunehmend an Bedeutung. Der wichtigste Pluspunkt der asiatischen Anbieter sind nat´┐Żrlich die erheblich niedrigeren Kosten. Mit Flug, Unterkunft und Ausgaben f´┐Żr ein touristisches Folgeprogramm eingerechnet, liegen die Kosten bis zu 50 Prozent unter den westlichen Preisen. Ein weiterer Vorteil sind die deutlich k´┐Żrzeren Wartezeiten. Neben den westlichen Kunden w´┐Żchst aber auch der Markt f´┐Żr Patienten aus den asiatischen L´┐Żndern wie etwa Bangladesch, die bei ihren Nachbarn Leistungen nachfragen, die bei ihnen nicht erh´┐Żltlich sind.

Der Weltmarkt f´┐Żr Medizintourismus besa´┐Ż 2008 ein Volumen von ca. 60 Milliarden US$. Dieser Wert wird sich absehbar erh´┐Żhen: W´┐Żhrend sich in den USA aktuell 750.000 Personen jenseits der Landesgrenzen verarzten lassen, soll ihre Zahl bis 2017 auf 15,75 Millionen ansteigen. In Deutschland sind es momentan nach Sch´┐Żtzungen der Kassenverb´┐Żnde j´┐Żhrlich 300.000 Personen. Insgesamt geht die Beratungsfirma Deloitte Consulting schon f´┐Żr 2010 von einem Marktumfang von 100 Milliarden US$ aus. F´┐Żr diese Projektion spricht nicht zuletzt die relative Unabh´┐Żngigkeit der Branche von Konjunkturzyklen. Mehr noch: Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten verst´┐Żrkt sich die Suche nach kosteng´┐Żnstigen Alternativen f´┐Żr medizinische Behandlungen.

K´┐Żnftig d´┐Żrfte hierbei speziell Asien gute Karten haben. Wurden 2007 bei 2,9 Millionen Patienten rund 3,4 Milliarden US$ erwirtschaftet, erwartet der Asian Medical Tourism Analysis Report f´┐Żr den Zeitraum von 2007 bis 2012 einen Anstieg um j´┐Żhrlich 17,6 Prozent. Am st´┐Żrksten d´┐Żrften an diesem Trend diejenigen L´┐Żnder partizipieren, die bereits umfangreiche Kapazit´┐Żten aufgebaut haben, n´┐Żmlich Thailand, Singapur, Indien und Malaysia. Insgesamt wird die Branche durch private Hospit´┐Żler dominiert, wobei in den letzten Jahren eine stetige Professionalisierung stattgefunden hat. Es sind zuvorderst Krankenhausketten wie die Parkway-Gruppe in Singapur oder die Apollo Hospitals in Indien, die die gr´┐Ż´┐Żten Marktanteile besitzen. Da die Aufenthaltsdauer auch bei kleineren Eingriffen mindestens eine Woche betr´┐Żgt, k´┐Żnnen die Krankenh´┐Żuser - und Hotels - mit sicheren Einnahmen ´┐Żber l´┐Żngere Zeitr´┐Żume kalkulieren. Zus´┐Żtzliche Erl´┐Żse versprechen zudem touristische Programme f´┐Żr begleitende Verwandte. Zentral f´┐Żr die Kunden ist vor allem die Zuverl´┐Żssigkeit der Angebote. Deshalb haben zahlreiche Krankenh´┐Żuser eine Akkreditierung bei der Joint Commission International (JCI) erworben.

Unter den asiatischen L´┐Żndern ragt Thailand hervor, das in 2007 mit 1,5 Millionen ausl´┐Żndischen Medizintouristen einen Umsatz von rund 1,1 Milliarden US$ erzielen konnte. Das Land offeriert eine breite Angebotspalette von Augenlaser, Zahnmedizin, Sch´┐Żnheitsoperationen bis hin zur Stammzellentherapie. Markf´┐Żhrer in Thailand ist das Bamrungrad Hospital in Bangkok mit 400.000 ausl´┐Żndischen Patienten pro Jahr. Angesichts dieser Zahlen ist Thailand auch als Markt f´┐Żr medizinisches Equipment interessant, denn drei Viertel des Zubeh´┐Żrs werden importiert.

Eine gewichtige Rolle auf dem Tourismusmedizinmarkt spielt auch Singapur, das zwischen 2004 und 2006 ein Marktwachstum von 28 Prozent erreichen konnte. Allerdings musste der Stadtstaat zuletzt einen R´┐Żckgang speziell bei indonesischen Patienten hinnehmen, was prim´┐Żr damit zusammenh´┐Żngt, dass die Behandlungen hier wesentlich teurer sind. Singapur besitzt einen Technologievorsprung, der dem Land bei der Behandlung komplizierter Leiden zugute kommt. Die Prognose lautet, dass bis zum Jahr 2012 circa eine Million Patienten aus dem Ausland die Dienste singapurianischer Gesundheitsanbieter in Anspruch nehmen werden. Die Regierung bem´┐Żht sich, diese Entwicklung ma´┐Żgeblich zu unterst´┐Żtzen. Dazu wurde schon 2003 das "Singapore Medicine"-Programm implementiert, das eine Partnerschaft zwischen dem Gesundheitsministerium, dem Economic Development Board, International Enterprise und dem Singapore Tourism Board begr´┐Żndet.

Gute Aussichten, seinen Marktanteil zu vergr´┐Ż´┐Żern, hat Indien. 2007 lie´┐Żen sich circa 450.000 ausl´┐Żndische Medizintouristen auf dem Subkontinent behandeln - drei Jahre zuvor waren es lediglich 150.000 Patienten. Sch´┐Żtzungen zufolge soll sich das Marktvolumen bis 2012 auf 2,3 Milliarden US$ erh´┐Żhen. Dabei kann Indien insbesondere mit seinem Preisvorteil punkten. Einen Schwerpunkt des Medizintourismus in Indien stellt neben den Sparten Zahn- und Kosmetische Medizin weiterhin die traditionelle Medizin (Ayurveda) dar. Dabei ist eine Konzentration auf den letztgenannten Bereich durchaus lohnenswert, da die entsprechende Zielgruppe l´┐Żnger im Land bleibt, h´┐Żufiger wiederkehrt und auch mehr ausgibt, als dies bei operativen Eingriffen der Fall ist.

Eine Verdreifachung der Patientenzahlen zwischen 2001 und 2006 konnte Malaysia vermelden: 2007 kamen etwa 340.000 Patienten ins Land, die Ums´┐Żtze von rund 60 Millionen US$ einbrachten. Der Wachstumstrend soll weiter anhalten - die Association of Private Hospitals geht von einem weiteren Anstieg von 30 Prozent pro Jahr bis 2010 aus. Auch der malaysische Staat ist gewillt, den Trend weiter zu verstetigen und hat etwa eine Verl´┐Żngerung des Visums f´┐Żr Medizintouristen von 30 Tagen auf sechs Monate umgesetzt.

F´┐Żr Gesamtasien prognostiziert Deloitte Consulting ein j´┐Żhrliches Wachstum von 20 Prozent. Aus dieser Vorhersage ergibt sich, dass der Branchenumsatz 2012 bei etwa 4 Milliarden US$ liegen wird. Um die Wachstumsdynamik weiter aufrecht halten zu k´┐Żnnen, ist es jedoch n´┐Żtig, das Vertrauen der Kunden in die Angebote zu erh´┐Żhen, was mit noch umfangreicheren Akkreditierungsma´┐Żnahmen gelingen kann. Vor dem Hintergrund, dass weitere L´┐Żnder wie Taiwan und Korea in den Markt einsteigen wollen, steht zu erwarten, dass sich der innerasiatische Konkurrenzkampf intensivieren wird.

Dieser erh´┐Żhte Konkurrenzdruck wird daf´┐Żr sorgen, dass sich die Betreuungsstandards weiter verbessern werden. Auch wird in zunehmendem Ma´┐Że in Europa und den USA ausgebildetes Personal eingesetzt werden. Parallel d´┐Żrften verst´┐Żrkt Kooperationen mit ausl´┐Żndischen Organisationen mit hoher Reputation eingegangen werden. Allerdings ist noch nicht absehbar, ob es tats´┐Żchlich gelingt, genug qualifiziertes Fachpersonal anzuwerben. Au´┐Żerdem ist es m´┐Żglich, dass die Regierungen ihre Unterst´┐Żtzung f´┐Żr die Branche zumindest reduzieren werden, denn der Medizintourismus hat auch eine sehr unsch´┐Żne Seite: Durch die h´┐Żheren Einkommen in den Privatkliniken werden vielerorts ´┐Żrzte und anderes medizinisches Personal abgezogen, die dann f´┐Żr die Behandlung der Einheimischen fehlen.