Asien Kurier  1/2010 vom 1. Januar 2010
China

Textilbranche auf dem Weg nach Westen

Kostenkontrolle, Exporteinbr´┐Żche und Regierungspolitik weisen den Weg ins Hinterland

Von Corinne Abele, Germany Trade & Invest in Beijing

Die Textilbranche der VR China reagiert auf durch die Finanzkrise ver´┐Żnderte M´┐Żrkte. Exporteinbr´┐Żche haben zur Umorientierung einiger Firmen auf den Binnenmarkt gef´┐Żhrt. Experten zufolge d´┐Żrfte das Einzelhandelsvolumen f´┐Żr Textilprodukte und Kleidung 2009 zwischen 15 und 20 Prozent steigen. Einher geht dies mit einer Verlagerung der Textil- und Bekleidungsproduktion in den kosteng´┐Żnstigeren Westen.

Chinas Textil- und Bekleidungsbranche z´┐Żhlt zu den krisengebeutelten Sektoren. In den ersten acht Monaten 2009 erzielte die Textil- und Bekleidungsbranche einen f´┐Żr die Industrie bescheidenen Produktionszuwachs von 7,5 Prozent. Der Produktionswert belief sich auf 2.371 Milliarden Renminbi Yuan. Entscheidend f´┐Żr das magere Ergebnis war vor allem der Exporteinbruch in den ersten drei Quartalen 2009 um 11,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dabei sank die Textilausfuhr mit einem R´┐Żckgang von 13,5 Prozent st´┐Żrker als die von Bekleidung (-10,0%. Eine Erholung ist jedoch in Aussicht.

Seit dem Juniquartal 2009 legt die Ausfuhr im Vergleich zum vorangegangenen Quartal wieder zu. Dabei scheint sich der amerikanische Absatzmarkt f´┐Żr Bekleidung etwas schneller zu erholen. Zwar steigen seit dem 2 Quartal im Vergleich zum vorangegangenen Quartal auch wieder die Bekleidungs- und Textillieferungen nach Europa an. Die Ausfuhr liegt jedoch unter dem Wert des Vorjahresquartals. Mit gro´┐Żer Aufmerksamkeit verfolgt die chinesische Seite m´┐Żgliche Handelsfriktionen infolge protektionistischer Ma´┐Żnahmen. Bez´┐Żglich einer m´┐Żglichen Verl´┐Żngerung bislang erhobener Anti-Dumping-Z´┐Żlle auf Schuhexporte nach Europa scheint sich ein Kompromiss anzubahnen.

Noch ist die Branche weit von einer breit angelegten Erholung entfernt. Doch das Schlimmste scheint erst einmal ´┐Żberstanden. Die Krise hat vor allem kleine und mittelst´┐Żndische, h´┐Żufig exportorientierte Firmen stark unter Druck gesetzt. Zahlreiche Unternehmen - vor allem in S´┐Żdostchina - haben die Produktion eingestellt. H´┐Żufig f´┐Żr immer. Denn sowohl in- als auch ausl´┐Żndische Investoren aus Hongkong oder Taiwan denken zunehmend ´┐Żber Billigalternativen wie Vietnam, Indonesien oder Afrika nach.

Sinkende Zahlungsmoral internationaler und inl´┐Żndischer Kunden hat gerade in kleineren und mittelst´┐Żndischen Textilfirmen zu massiven Cash-Flow-Problemen gef´┐Żhrt. Im Gegensatz zu den gro´┐Żen, staatlich kontrollierten Unternehmen haben sie kaum von der massiv erh´┐Żhten Liquidit´┐Żt im Markt seit Anfang 2009 profitiert. Bankkredite sind ihnen nach wie vor h´┐Żufig nicht zug´┐Żnglich. Einer Umfrage von Adsale und Synovate zwischen April und Juni 2009 zufolge, an der sich 700 Branchenunternehmen beteiligten, war externe Finanzierung vor allem f´┐Żr Textil- und Bekleidungsfirmen mit weniger als 1.000 Arbeitern ein schwieriger Bereich.

Inzwischen hat die Regierung mit den "Several Opinions on Further Promoting the Development of Small and Medium-sized Enterprises" reagiert, die neben finanzieller Unterst´┐Żtzung auch Steuererleichterungen ab 2010 einf´┐Żhren sollen. Zuvor hatten bereits einzelne Provinzen wie Guangdong mit Unterst´┐Żtzungsma´┐Żnahmen reagiert. Nur eingeschr´┐Żnkt trug die schrittweise Erh´┐Żhung der Mehrwertsteuerr´┐Żckerstattungss´┐Żtze zur Verbesserung der Situation bei. Zwar kann dadurch die Wettbewerbsf´┐Żhigkeit der Exporteure verbessert werden, aber der Wegfall der Absatzm´┐Żrkte ist nicht so leicht zu kompensieren.

Trotz der auch f´┐Żr 2010 erwarteten schwierigen Nachfragesituation in Europa und den USA sprachen sich ´┐Żber 42 Prozent der Teilnehmer der von Adsale und Synovate durchgef´┐Żhrten Branchenumfrage daf´┐Żr aus, weiterhin zu exportieren. Dagegen wollten sich knapp ´┐Żber 41 Prozent zunehmend auf den inl´┐Żndischen Markt konzentrieren. Dieser hat sich weiterhin stabil entwickelt. Im 1. Halbjahr 2009 legte das Einzelhandelsvolumen f´┐Żr Textilprodukte und Kleidung in China um 17 Prozent zu. Der China National Textile and Apparel Council rechnet mit einer Steigerung f´┐Żr das Gesamtjahr von 15 bis 20 Prozent. Allerdings m´┐Żssen erst hohe Lagerbest´┐Żnde im Einzelhandel abgebaut werden. Branchenkenner gehen davon aus, dass dies bis zum 2. Halbjahr 2010 geschehen wird.

Die Krise hat den Wettbewerbsdruck im Land verst´┐Żrkt. Einige Hersteller reagieren durch Produktionsverlagerung aus dem teureren S´┐Żdosten ins Landesinnere und nach Westchina. Branchenkennern zufolge k´┐Żnnte sich dadurch der Produktionswert der Provinzen Guangdong, Shanghai, Zhejiang und Fujian um 140 Millionen Renminbi verringern. Diesen Trend zeigt auch der regionale Produktionszuwachs in den ersten sieben Monaten 2009: W´┐Żhrend er in Ostchina (Provinzen Guangdong, Fujian, Zhejiang, Jiangsu, Shandong und Shanghai) bei 5,4 Prozent lag, erreichte er in Zentralchina mit den Provinzen Henan, Hunan, Jiangxi, Hubei und Anhui 14,4 Prozent.

Im Westen locken nicht nur g´┐Żnstigere Herstellungskosten und eine gr´┐Ż´┐Żere N´┐Żhe zu regionalen Kunden. Die Verlagerung erfolgt zunehmend im Rahmen regionaler Industrieum- und -ansiedlungspolitik. Dar´┐Żber hinaus k´┐Żnnten k´┐Żnftig Verg´┐Żnstigungen seitens der Regierung hinzu kommen. Derzeit soll ein entsprechender Leitfaden zur Standortverlagerung der Textil- und Bekleidungsindustrie nach Westchina in Arbeit sein.

Die mittelfristigen Wachstumsperspektiven der Branche werden unterschiedlich eingesch´┐Żtzt. W´┐Żhrend 62 Prozent der Teilnehmer an der Umfrage von Adsale und Synovate von einer Bew´┐Żltigung der Krise innerhalb von zwei Jahren ausgingen, stellten sich rund 22 Prozent auf anhaltende Schwierigkeiten in den n´┐Żchsten drei bis f´┐Żnf Jahren ein. ´┐Żber 86 Prozent der Umfrageteilnehmer hielten eine Steigerung der Produktqualit´┐Żt f´┐Żr die Unternehmensentwicklung in den n´┐Żchsten drei Jahren f´┐Żr ´┐Żu´┐Żerst wichtig. Damit lag der Anteil um 11 Prozentpunkte h´┐Żher als noch vor zwei Jahren. An zweiter Stelle nannten 65 Prozent eine konsequente Kostenkontrolle (9 Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren).

Die Umfrage wies daneben auf ein wachsendes Problem der Branche hin, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. ´┐Żber 40 Prozent der Textilverarbeitungsunternehmen ben´┐Żtigten dringend erfahrenes Personal im Management. Unternehmen in Ostchina berichteten ´┐Żber Personalknappheit in fast allen Berufsgruppen. Auch dies darf als Faktor f´┐Żr die Verlagerung der Branche Richtung Westen nicht untersch´┐Żtzt werden.