Asien Kurier  7/2009 vom 1. Juli 2009
Buchbesprechung

Wohin geht Indien?

Von Daniel M´┐Żller in Berlin

Nachdem die Kongresspartei die Parlamentswahlen mit einem ´┐Ż f´┐Żr indische Verh´┐Żltnisse ´┐Ż herausragenden Ergebnis gewinnen konnte und fortan in einer einigerma´┐Żen koh´┐Żrenten Koalition regieren kann, ist es an der Zeit, einmal gr´┐Żndlich ´┐Żber die m´┐Żglichen Entwicklungslinien des Landes zu reflektieren.

Dies wurde in j´┐Żngster Zeit etwas vernachl´┐Żssigt, weil die zwischenzeitlich kultivierten Niedergangsszenarien den Blick auf die Bedingungen des indischen Aufstiegs, seine Perspektiven und Grenzen verstellt haben. Aber zum Gl´┐Żck gibt es die gute alte ´┐ŻNeue Z´┐Żrcher Zeitung´┐Ż, die seit jeher den Benchmark f´┐Żr kompetente Auslandsberichterstattung abgibt.

Zu den besten Pferden im Stall der NZZ geh´┐Żrt der Ostasien-Korrespondent und Vielschreiber Urs Schoettli, der nun eine philosophisch orientierte Einsch´┐Żtzung der indischen Spezifika vorgelegt hat: Ausgehend von der Pr´┐Żmisse, dass Indien zu den komplexesten L´┐Żndern ´┐Żberhaupt geh´┐Żrt, beleuchtet Schoettli zun´┐Żchst die Hintergr´┐Żnde des Selbstverst´┐Żndnisses Indiens. Er weist darauf hin, dass sich das Adjektiv ´┐Żindisch´┐Ż weniger auf eine nationalstaatliche Zuschreibung als vielmehr auf ein in ganz S´┐Żdasien anzutreffendes und von der hinduistischen Religion ´┐Żberw´┐Żlbtes Ethos bezieht, das sich durch eine hohe Toleranz gegen´┐Żber allen erdenklichen Religionen und Lebensformen kennzeichnet. Allerdings gerate dieses Toleranzmodell zunehmend unter Druck: Speziell der islamistische Fundamentalismus sei zu einer elementaren Herausforderung avanciert.

Von besonderer Brisanz ist dabei, dass sowohl in den Nachbarl´┐Żndern Bangladesch und Pakistan als auch in Indien selbst eine Radikalisierung der Muslime stattgefunden hat. Zumindest im Inneren besteht f´┐Żr Schoettli angesichts einer funktionierenden Demokratie aber die Chance, ein friedliches Zusammenleben zwischen den einzelnen Bev´┐Żlkerungsteilen zu organisieren. Zwar f´┐Żhre die Demokratie kurzfristig ´┐Ż etwa im Vergleich zu China ´┐Ż zu einem langsameren Entwicklungstempo, aber langfristig sei sie, im Gegensatz zu einer Entwicklungsdiktatur, ein Garant f´┐Żr Stabilit´┐Żt. Zu den dringlichsten Herausforderungen der indischen Demokratie geh´┐Żrt es demgegen´┐Żber, einen Ausgleich zwischen dem modernen und dem traditionellen Indien zu schaffen.

Erschwert werden entsprechende Ma´┐Żnahmen durch den Umstand, dass der Hinduismus sozialer Verantwortung keine gro´┐Że Bedeutung beimisst, weshalb kaum sozialstaatliche Verantwortung wahrgenommen wird und im ´┐Żbrigen auch die ´┐Żffentlichen G´┐Żter wie etwa die Infrastruktur vergammeln. Ein umfassender Mentalit´┐Żtswandel ist laut Schoettli nicht zu erwarten, da die indische Einstellung zum Leben st´┐Żrker als in anderen asiatischen Staaten durch spirituelle und existenzialistische Werte gepr´┐Żgt ist.

Dennoch werden der technologische Wandel und die anhaltende wirtschaftliche Dynamik partielle gesellschaftliche Ver´┐Żnderungen hervorrufen, die wiederum Spannungen beg´┐Żnstigen werden. Da die urbanisierten Inder buchst´┐Żblich in einer anderen Welt leben, wird es bei der Verarbeitung von Modernisierungsbr´┐Żchen prim´┐Żr auf die religi´┐Żsen F´┐Żhrer ankommen. Dabei k´┐Żnnte sich der indische Hang zum Fatalismus insofern stabilit´┐Żtsf´┐Żrdernd auswirken, als er zur Gelassenheit und zur Bew´┐Żhrung in der Krise beitr´┐Żgt.

Insgesamt gelangt Schoettli zu dem Urteil, dass Indien zwar nicht wie China zur Weltmacht, aber unzweifelhaft zur Gro´┐Żmacht aufsteigen wird. Schoettlis Studie stellt eine tiefgr´┐Żndige Analyse dar, die selbst f´┐Żr Indien-Kenner diverse Aha-Erlebnisse bereithalten d´┐Żrfte.

Urs Schoettli, Indien. Profil einer neuen Grossmacht, Verlag Ferdinand Sch´┐Żnigh, Paderborn 2009, 189 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3-506-76774-5