Asien Kurier  10/2009 vom 1. Oktober 2009
Buchbesprechung / Indonesien

Vielfalt und Einheit

Von Daniel M´┐Żller in Berlin

Es ist eigentlich eine banale Erkenntnis, die jedoch oft ausgeblendet wird: Die aktuellen Ereignisse in einem Land lassen sich nur vor dem Hintergrund seiner Geschichte angemessen verstehen.

Nun bleibt es in der Regel lediglich einer Handvoll von Historikern und Landeskundlern vorbehalten, sich systematisch mit den einzelnen Ver´┐Żstelungen des Entwicklungsweges eines Landes auseinander zu setzen. Dem Durchschnittsinteressierten hingegen ist es kaum m´┐Żglich, sich durch die umfangreichen Best´┐Żnde an volumin´┐Żsen Fachpublikationen zu arbeiten. Aus diesem Grund ist eine eigene Sachbuchsparte entstanden, deren Produkte bevorzugt unter Titeln wie "Eine kleine Geschichte von XY" erscheinen.

Gemeinsam haben diese Werke, dass sie den Versuch unternehmen, eine Br´┐Żcke zwischen wissenschaftlicher Seriosit´┐Żt, didaktischem Geschick und einer attraktiven Pr´┐Żsentation zu schlagen.

Dies ist naturgem´┐Ż´┐Ż umso schwieriger zu erreichen, je komplexer ein Land ist, je mehr sich die einzelnen Landesteile unterscheiden, je verschiedenartiger die ´┐Żu´┐Żeren Einfl´┐Żsse waren, denen es ´┐Żber die Jahrhunderte ausgesetzt war. Dies alles trifft fraglos auf den Inselstaat Indonesien zu, der auf eine ´┐Żberaus pralle Historie voller Umbr´┐Żche und Wechself´┐Żlle verweisen kann. Da auf dem deutschen Buchmarkt kein allgemein verst´┐Żndliches ´┐Żberblickswerk verf´┐Żgbar war, hat sich der in Jakarta ans´┐Żssige Journalist Armin Wertz dazu entschlossen, eine an ein breites Publikum gerichtete Einf´┐Żhrung zu verfassen.

Wie der Titel bereits anzeigt, liegt Wertz´┐Ż Leitmotiv darin, den Prozess nachzuzeichnen, wie ein derart heterogenes, aus etlichen Teileinheiten bestehendes Gebilde sukzessive zu einem modernen Nationalstaat zusammengewachsen ist. Dabei beginnt der Autor seine Exkursion sehr grunds´┐Żtzlich: mit der Besiedelung der urspr´┐Żnglich mit dem asiatischen Festland verbundenen Halbinsel "Sundaland" durch den Vorl´┐Żufer des heutigen Menschen, dem Homo erectus. Dem folgt eine Schilderung der diversen Einwandererwellen, wobei darlegt wird, wie schwierig die Abgelegenheit vieler Regionen des Archipels die Etablierung einer Zentralgewalt machte. Von entscheidender Bedeutung f´┐Żr die Entwicklung des Landes ist f´┐Żr Wertz klar der Au´┐Żenhandel gewesen.

Denn ´┐Żber den Gew´┐Żrzhandel gelangten nicht nur hinduistische, buddhistische und auch muslimische Glaubensvorstellungen nach Indonesien, die attraktiven Rohstoffvorkommen waren auch die Ursache daf´┐Żr, dass externe M´┐Żchte immer wieder versucht haben, ihren Einfluss geltend zu machen. Das Begehren nach Pfeffer, Nelken und Muskat hat auch die Europ´┐Żer auf den Plan gerufen: W´┐Żhrend der Versuch der Portugiesen, sich ein Handelsmonopol zu sichern, nur eine Episode blieb, pr´┐Żgte die holl´┐Żndische Kolonialherrschaft das Land ´┐Żber insgesamt dreieinhalb Jahrhunderte nachhaltig. Dabei wurde die gemeinsame Erfahrung der kolonialen Ausbeutung zum N´┐Żhrboden f´┐Żr die Ausbildung eines Nationalismus, der schlie´┐Żlich in einen Befreiungskampf m´┐Żndete.

Aber auch nach der Unabh´┐Żngigkeit blieben Konflikte zwischen den Landesteilen an der Tagesordnung. Erst ´┐Żber einen langen Zeitraum und unter gro´┐Żen Schmerzen ist es gelungen, die Vorstellung einer nationalen Einheit im Alltagsleben zu verfestigen. Allerdings - so die Quintessenz des Buches - handelt es sich hierbei um eine permanente Aufgabe, die den handelnden Akteuren eine gro´┐Że Umsicht abverlangt.

Armin Wertz, Sie sind viele, sie sind eins. Eine Einf´┐Żhrung in die Geschichte Indonesiens, Glar´┐Ż Verlag, Frankfurt am Main 2009, 384 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 978-3-930761-70-8