Asien Kurier  10/2009 vom 1. Oktober 2009
Vereinigte Arabische Emirate

Neue Logistikstandorte konkurrieren mit Dubai

Von Martin B´┐Żll, Germany Trade & Invest in Dubai

Die Arabische Halbinsel ist der viertwichtigste ´┐Żberseemarkt f´┐Żr Deutschland. Das logistische Tor ist bislang Dubai mit seinem Hafen Jebel Ali, von dem l´┐Żngst auch Iran, Pakistan, zentralasiatische Republiken, teilweise Indien und ostafrikanische L´┐Żnder bedient werden.

Andere Golfanrainer aber r´┐Żsten auf und wollen ein St´┐Żck vom Kuchen. Der Wettbewerb nimmt zu. Das Emirat Dubai wird sich anstrengen m´┐Żssen, wenn es die Spitzenstellung verteidigen will - und die Herausforderer m´┐Żssen mehr bieten als lediglich neue Infrastrukturen.

Die Machthaber Dubais, des an ´┐Żl eher armen Scheichtum der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), haben sich als erste in der Golfregion Gedanken ´┐Żber eine Zukunft bei versiegenden ´┐Żlquellen gemacht. Das ebenso einfache wie erfolgreiche Konzept: Ein beeindruckendes Dienstleistungsangebot schaffen, dann kommt die Nachfrage von selbst. Erst ein neuer Hafen mit Freizone, dann B´┐Żrot´┐Żrme, Shoppingmalls und Hotels. Inzwischen ist ein sich selbst verst´┐Żrkender Kreislauf entstanden und Dubai ´┐Żber Nacht zu einer internationalen Marke geworden.

Zwischenzeitlich konnte trotz gewaltiger Bauleistung die Nachfrage kaum befriedigt werden: Die H´┐Żfen waren ´┐Żberlaufen, B´┐Żro- und Wohnraum war knapp und ´┐Żu´┐Żerst teuer geworden. Die Immobilienblase, die daraus entstand, ist mittlerweile zwar geplatzt. Aber selbst die durchaus schmerzliche Korrekturphase, die Dubai durchl´┐Żuft, stellt den Gesamterfolg bislang nicht in Frage.

Die anderen VAE-Emirate und Golfstaaten ahmen Dubai inzwischen alle nach, auch wenn sie das ´┐Żffentlich abstreiten. Sei es das reiche Nachbaremirat Abu Dhabi oder der gro´┐Że Nachbar Saudi-Arabien, die Golfanrainer Katar und Kuwait oder das Sultanat Oman am Indischen Ozean: Alle Mitglieder des Golf-Kooperationsrates (GCC) planen und bauen neue St´┐Żdte, Flug- und Seeh´┐Żfen, Petrochemie-Industrien - vom Brot-und-Butter-Gesch´┐Żft der ´┐Żl- und Gasf´┐Żrderung ganz zu schweigen.

Die Beweggr´┐Żnde und Ziele sind oft deckungsgleich: Diversifizierung der Wirtschaft weg vom ´┐Żl, Schaffung von Arbeitspl´┐Żtzen oder zumindest einer sinnvollen Besch´┐Żftigung der eigenen Bev´┐Żlkerung. Nationale Anerkennung und Prestige spielen auch eine gro´┐Że Rolle, dem sich Fragen nach Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit oft unterordnen m´┐Żssen.

Au´┐Żerhalb der VAE schreitet vor allem das K´┐Żnigreich Saudi-Arabien voran, das gleich mehrere neue Wirtschafts- und Industriest´┐Żdte baut, wie die King Abdullah Economic City am Roten Meer. Letzter Kostenvoranschlag: 93 Milliarden US$. Die Stadt erh´┐Żlt einen neuen Containerhafen der Superlative und ein Passagierterminal f´┐Żr 300.000 islamische Pilger. Rund 14 Millionen m2 stehen f´┐Żr die Hafenanlagen bereit. Mit neuen Eisenbahnlinien, darunter Verbindungen zwischen dem Roten Meer und dem Golf, sollen neue logistische Ma´┐Żst´┐Żbe gesetzt werden. Alleine die sechs gr´┐Ż´┐Żten Schienenprojekte des Landes d´┐Żrften rund 60 Milliarden US$ kosten.

Das an ´┐Żl und Gas ´┐Żberaus reiche Katar schwimmt derweil im Geld. Die Expansion der Gasf´┐Żrderung wird im Rahmen eines selbstauferlegten Moratoriums gebremst, damit es nicht zu viel wird. Der kleine Staat mit seinen 1,7 Millionen Menschen, von denen nur etwa 200.000 Katarer sind - das Bev´┐Żlkerungsgros sind Gastarbeiter -, baut einen neuen Flughafen, der mehr als 8 Milliarden US$ kosten soll, zweimal so teuer wie der neue Flughafen Berlin-Brandenburg. Gleichzeitig wird ein neuer Seehafen gebaut und die drei bestehenden H´┐Żfen werden erweitert. Kostenpunkt: etwa 16 Milliarden US$.

In Kuwait fehlt es derweil nicht an ambitionierten Vorhaben, wohl aber an der Umsetzung. Regierung und Parlament blockieren sich gegenseitig. Mit riesigen st´┐Żdtebaulichen und Infrastrukturvorhaben wollen Planer das Land wieder zu einem Handelszentrum an der historischen Seidenstra´┐Że machen. Alleine eine "Silk City" soll 77 Milliarden US$ und eine Kuwait Railways 14 Milliarden US$ kosten.

F´┐Żr solche Gr´┐Ż´┐Żenordnungen fehlt Oman das Geld. Das Sultanat sieht sich daf´┐Żr aber in einer strategisch g´┐Żnstigen Lage: au´┐Żerhalb des Stra´┐Że von Hormus. Der neue Containerhafen Salalah ganz im S´┐Żden des Landes gilt bereits als Erfolg. Das kleine K´┐Żnigreich Bahrain setzt derweil auf eine bessere Verkehrsanbindung zu Land. Eine Damm-Br´┐Żckenverbindung mit Katar soll das Gesch´┐Żft beleben, au´┐Żerdem wird ein 13 Milliarden US$ teures Eisenbahnnetz gepr´┐Żft.

Und auch Abu Dhabi schickt sich an, Dubai mit Riesenprojekten Paroli zu bieten. Quasi ´┐Żber Nacht sind die chronischen Verkehrsstaus von Dubai nach Abu Dhabi umgezogen. W´┐Żhrend die Mieten in Dubai einbrechen, explodieren sie in Abu Dhabi. Dabei setzt die VAE-Hauptstadt bislang vornehmlich auf Immobilienvorhaben und eine Industrieansiedlung einschlie´┐Żlich einer gigantischen Petrochemie, weniger aber auf Seeh´┐Żfen und einen Luftfrachtumschlag.

Per Saldo, sagen Logistik-Fachleute, wird auf der Arabischen Halbinsel wohl ein Vielfaches von dem gebaut und geplant, was derzeit eigentlich ben´┐Żtigt wird. Ein kr´┐Żftiger Wettbewerb ist deshalb unvermeidbar. Die spannende Frage ist, wie sich diese Konkurrenz auf den Logistik-Primus Dubai auswirken wird.

Beispiel Schifffahrt: Wer auf dem Weg von Europa durch den Suezkanal nach Singapur ist und nur einen f´┐Żr Ostafrika bestimmten Container umladen will, ist demn´┐Żchst in der saudi-arabischen King Abdullah City oder schon jetzt im omanischen Hafen Salalah besser aufgehoben, sagen Schifffahrtskenner. Wer Fracht f´┐Żr den Wirtschaftsraum des Golfs hat und dort nur umladen m´┐Żchte, der k´┐Żnnte sich zum Beispiel von Dumping-Preisen in Katar locken lassen.

Wenn es aber um mehr geht, als nur einen Container umzuladen, der wird noch auf sehr lange Zeit in Dubai besser aufgehoben sein. Das Emirat hat einen gro´┐Żen Know-how- und Dienstleistungsvorsprung. Viele Firmen begreifen die Arabische Halbinsel als einen gemeinsamen Markt. Wer in diesem ein B´┐Żro hat, sitzt in Dubai. Das vergleichsweise liberale Emirat ist ein sehr viel angenehmerer Standort f´┐Żr ausl´┐Żndische Firmen und ihre Mitarbeiter. Trotz der hohen Sommertemperaturen und dem fehlenden Gr´┐Żn: Die Lebensqualit´┐Żt Dubais ist in Relation zu den anderen Golfstaaten - vom Sonderfall des pittoresken Oman abgesehen - auf Jahrzehnte wohl uneinholbar.

Strategisch gesehen hat Dubai zudem bald noch den neuen Gro´┐Żflughafen in Jebel Ali zu bieten. Wenn er in Betrieb geht, bietet er eine ideale Kombination von Gro´┐Żflughafen und Gro´┐Żseehafen direkt nebeneinander.

Selbst wenn das Projektvolumen in Saudi-Arabien in ein paar Jahren das in den VAE ´┐Żbertreffen k´┐Żnnte; das Volumen der Importe wird in den VAE aufgrund ihrer etablierten Handelsbeziehungen h´┐Żher bleiben. Wie sich der Wettbewerb der einzelnen VAE-Emirate untereinander entwickelt, braucht den ausl´┐Żndischen Gesch´┐Żftsmann derweil nicht sonderlich zu interessieren. Die St´┐Żdte Abu Dhabi und Dubai werden zweifelsohne zu einem Ballungsraum zusammenwachsen, der sich die ganze K´┐Żste entlang bis in das Emirat Ras al-Chaima erstreckt. Die Verkehrsinfrastruktur wird - nicht zuletzt dank der neuen Metro - zunehmend besser. Die Fragen nach den Wohn- und B´┐Żrolagen sowie den Immobilienkosten werden wichtig bleiben, nicht aber die Frage nach dem Emirat.

Die Gefahren f´┐Żr den Logistikstandort Dubai und VAE kommen wohl nicht von dem zunehmenden Wettbewerb auf der Arabischen Halbinsel sondern von der anderen Seite des Golfs: Ein Irankonflikt, der die Schlie´┐Żung der Stra´┐Że von Hormus zu Folge h´┐Żtte, ist die wohl gr´┐Ż´┐Żte bekannte politische Gefahr.

Mittel- bis langfristig droht auch Ungemach auf der Kostenseite: Strom und Wasser werden immer teurer, die Bereitstellung wird immer schwieriger. Das Leben am Golf ist in hohem Ma´┐Że energieintensiv und verschwenderisch.