' )Buchbesprecbung - Japan im Umbruch
Asien Kurier 6/2008 vom 1. Juni 2008
Buchbesprecbung

Japan im Umbruch

Von Daniel M´┐Żller

Man kennt es aus der Historie: just in dem Moment, wo langersehnte Ziele erreicht werden, wo all die Anstrengungen der Vergangenheit endlich Fr´┐Żchte tragen, wo eigentlich alle Voraussetzungen f´┐Żr eine ewige Gl´┐Żckseligkeit vorhanden sein m´┐Żssten, just in diesem Moment schl´┐Żgt das Pendel der Geschichte abrupt und gnadenlos zur´┐Żck.

Eben in einer solchen Phase befindet sich Japan heute. Dabei kann das Land auf eine imposante Erfolgsgeschichte verweisen: Auf den Totalkonkurs im Zweiten Weltkrieg folgte eine beispiellose ´┐Żkonomische Aufholjagd. Im Ergebnis hat Japan alles erreicht, was sich eine Nation nur w´┐Żnschen kann: Frieden, Wohlstand, Gesundheit. Allerdings wurden auf dem H´┐Żhepunkt des japanischen Erfolges auch dessen Grenzen und Risiken offenbar.

Ursache und Indikator f´┐Żr pr´┐Żgnante ´┐Żnderungen in Politik und Wirtschaft sind f´┐Żr gew´┐Żhnlich architektonische Verschiebungen innerhalb einer Gesellschaft. Wer also den Zustand eines Landes erkunden will, der sollte zuvorderst dessen Gesellschaft ins Visier nehmen. F´┐Żr den Fall Japan empfiehlt sich hierf´┐Żr die vorz´┐Żgliche Analyse von Florian Coulmas. Der Buchautor macht in seinem elegant geschriebenen und mit Grafiken und Tabellen gespickten Buch zwei Trends aus, die das japanische Modell massiv unter Druck setzen: Einmal sorgt der mit der Globalisierung einhergehende Zwang zur Versachlichung und Rationalisierung dazu, dass typisch japanische Sozialarrangements nicht mehr aufrechterhalten werden k´┐Żnnen. Zum anderen verursacht die drastisch fortschreitende Alterung der Bev´┐Żlkerung Krisenerscheinungen mit kaum absch´┐Żtzbaren Folgen.

Besondere Brisanz resultiert dabei aus dem Umstand, dass beide Trends sich ´┐Żberlagern und daher die finanziellen Mittel fehlen, um die sich anbahnenden Umw´┐Żlzungen harmonief´┐Żrdernd abzufedern. So aber prallen verschiedene Anspr´┐Żche, Vorstellungen und Kalk´┐Żle direkt aufeinander, ohne dass eine tragf´┐Żhige Bew´┐Żltigungsstrategie in Sicht w´┐Żre. F´┐Żr Coulmas wird Japan sich schon in absehbarer Zeit auf einen fundamentalen Wandel der etablierten Arbeitsorganisation wie auch der tradierten Wertvorstellungen einstellen m´┐Żssen.

So ist in den Unternehmen das Seniorit´┐Żtsprinzip auf dem R´┐Żckzug, da dieses angesichts einer immer ´┐Żlter werdenden Belegschaft schlicht nicht mehr zu finanzieren ist. F´┐Żr Berufseinsteiger hingegen wird es vor dem Hintergrund steigender Sozialkosten, versch´┐Żrften internationalen Wettbewerbs und nachlassender Inlandsnachfrage immer schwieriger, eine Festanstellung zu ergattern. Die prek´┐Żr Besch´┐Żftigten (freeter) wiederum weisen die geringsten Nachwuchszahlen auf.

Auf einer mentalen Ebene erh´┐Żlt die Wahrnehmung, eine Mittelschichtgesellschaft zu sein, deutliche Blessuren. Schaden gennomen haben auch elementare konfuzianische Grunds´┐Żtze wie der Respekt vor ´┐Żlteren ? in dem Ma´┐Że wie diese zur Belastung werden, schwindet die Bereitschaft zur Einhaltung dieser Norm. Wie tief die Ver´┐Żnderungen gehen, zeigt sich gut an den Geschlechterrollen. Da die weibliche Erwerbsquote st´┐Żndig steigt, viele M´┐Żnner aber nicht regul´┐Żr besch´┐Żftigt sind, bedarf das Ideal vom unbeugsamen Familienern´┐Żhrer einer dringenden Revision.

Fazit: So flexibel sich die Japaner in ´┐Żkonomischen Fragen gezeigt haben, so schwer tun sie sich, die Vorstellung eine einzigartige Schicksalsgemeinschaft zu sein, ad acta zu legen und beherzt nach neuen Wegen des Zusammenlebens zu suchen.

Florian Coulmas, Die Gesellschaft Japans. Arbeit, Familie und demographische Krise

Verlag H.C. Beck, M´┐Żnchen 2007, 252 Seiten, 14, 95 Euro, ISBN: 978-3-406-54798-0


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