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Datum: 2023-09-11

Asien Kurier  8/2008 vom 1. August 2008

Buchbesprechung - F�hrungsst�rke durch Selbsterkenntnis

Von Daniel M�ller in Berlin.

Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt der Titel des Buches etwas deplatziert, ja nachgerade frivol. Jedoch d�rfte diese Einsch�tzung wohl vor allem einer lebhaften westlichen Fantasie geschuldet sein. Denn in der indischen Kultur stellt das Kamasutra weniger einen Leitfaden f�r lasterhafte Ausschweifungen, als vielmehr eine Regelsammlung f�r angemessenes soziales Verhalten in einer h�fischen Umgebung dar. Aber was � um Krishnas und Vishnus willen � soll dies mit modernen Managementtechniken zu tun haben?
Die Antwort des Autors auf diese Frage ist indes durchaus plausibel: Viele Motive der indischen Philosophie und Spiritualit�t sind explizit darauf ausgerichtet, Hilfestellungen im pers�nlichen und gesch�ftlichen Alltag zu geben, wovon auch das Management �als zielgerichtete Handhabung der Realit�t� profitieren k�nne. Dass nun ausgerechnet das Kamasutra aus der �ppigen F�lle der indischen Werke zur Namensgebung herangezogen wurde, kann, nun ja, getrost marketingtechnischen Erw�gungen zugeschrieben werden.
Wie dem auch sei. Volker Zotz ist jedenfalls ein exzellenter Kenner der indischen Geistesgeschichte und versteht es zudem die oftmals � gelinde gesagt � etwas sperrigen Texte leserfreundlich aufzuarbeiten und die jeweiligen Essentials komprimiert zu pr�sentieren. Dabei weist er dezidiert darauf hin, dass mit den Veden, den Upanishaden, der Mahabharata fraglos ein gewaltiges Reservoir an Lebensweisheiten und Handlungsempfehlungen zur Verf�gung steht, sich eine simple Imitation angesichts disparater kultureller Pr�gungen aber von selbst verbietet. Ziel des Buches sei es, so Zotz, auch vielmehr die zweite Ebene des interkulturellen Lernens zu erreichen. Will sagen: Eine Begegnung mit den grundlegenden Strukturen des Denkens und Empfindens anzusteuern.
Das Wissen um diese Strukturen erm�glicht es dem Kundigen, sich und seine Aufgabe in einem anderen, breiteren Licht zu sehen und auf dieser Basis ein gr��eres Ma� an Flexibilit�t auszubilden, was in Zeiten potenzierten grenz- und kultur�berschreitenden Handelns und Produzierens kein geringer Wert ist. Sp�testens an dieser Stelle wird der Nutzen kultur-philosophischer Inspirationen f�r mit �konomischen F�hrungsaufgaben betrauten Zeitgenossen evident. Bei der Durchf�hrung all ihrer zentralen Funktionen � Organisieren, Planen, Entscheiden, Motivieren � d�rfte es ungemein hilfreich, nein, mehr noch: prinzipiell unerl�sslich sein, seinen Standpunkt und den anderer zu (er-)kennen.
Nur dann lassen sich �berhaupt realistische Ziele konzipieren und formulieren. Ausgestattet mit einem derart intensivierten Bewusstsein ist dann auch eine Steigerung der F�hrungsqualit�ten m�glich. Die Botschaft des Buches lautet dementsprechend: Bevor betriebliche Prozesse umsichtig und nutzbringend gesteuert werden k�nnen, bedarf es eines beharrlichen �Selbstmanagements�, dem eine ganzheitliche Sicht auf alle Lebensaspekte zugrunde liegt.
Nun sind all diese Einsichten keiner Geheimwissenschaft entnommen und finden sich in variierter Form in allen Kulturkreisen mehr oder weniger prominent platziert wider � aber was epische Tiefe, schillernde Vielfalt und narrative Opulenz anbelangt, kann der indischen Philosophie schon ein Ausnahmecharakter attestiert werden. Da Anregungen f�r eine sinnvolle und authentische Lebensf�hrung keine Pr�rogative von Unternehmenslenkern darstellen, ist das Buch selbstverst�ndlich auch f�r alle Nicht-Manager aufschlussreich.

Volker Zotz, Kamasutra im Management. Inspirationen und Weisheiten aus Indien
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2008, 19,90 Euro, ISBN 978-3-593-38515-0