Asien Kurier 11/2008 vom 1. November 2008
Indien

Kfz-Branche auf der ´┐Żberholspur

Von Katrin Pasvantis (gtai)

Das Interesse der globalen Wirtschaft am Absatzmarkt und Standort Indien w´┐Żchst. Mit ´┐Żber 1,5 Millionen verkauften Pkw, Gel´┐Żndewagen und Vans pro Jahr und einer Wachstumsrate von 12,2 Prozent

(2007/08) z´┐Żhlt Indien zu den gr´┐Ż´┐Żten Kfz-M´┐Żrkten Asiens und entwickelt sich zu einem der wichtigsten weltweit.

Mit dem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens nimmt auch der Wunsch nach Mobilit´┐Żt in Indien zu.

Optimistische Quellen beziffern die Mittelschicht des Subkontinents auf 50 Millionen Menschen und rechnen bis 2025 mit einer Verzehnfachung dieses Wertes. Wenn gleich die Sch´┐Żtzungen ´┐Żber das tats´┐Żchliche Volumen teilweise recht stark voneinander abweichen, sind sich die Analysten jedoch einig, dass die konsumfreudige Mittelschicht in den n´┐Żchsten Jahren deutlich wachsen wird. Allerdings ist das Durchschnittseinkommen dieser neuen K´┐Żufergruppe im internationalen Vergleich immer noch niedrig.

Haupt-Wachstumstreiber der Automobilnachfrage sind neben den steigenden verf´┐Żgbaren Einkommen g´┐Żnstige Kfz-Kredite und das zunehmende Angebot preiswerter Fahrzeugmodelle.

Inder kaufen vor allem Kleinwagen (Fahrzeugl´┐Żnge: 3.401 bis 4.000 mm; 2007/08: 859.137 Pkw;

Ver´┐Żnderung gegen´┐Żber der Vorjahresperiode: +14,1%) und Mittelklassewagen (4.001 bis 4.500 mm;

225.719; +14,6%). In der Premium- und Luxusklasse sind die Absatzzahlen bislang gering, allerdings sind die Wachstumsraten mit 21,3 beziehungsweise 10,8 Prozent vielversprechend. BMW und Mercedes erwarten in den n´┐Żchsten Jahren kr´┐Żftige Zuw´┐Żchse.

BMW India hat im s´┐Żdindischen Chennai mit der Produktion der 5er und 6er-Reihe begonnen und setzte 2007/08 bereits 850 Fahrzeuge ab; von der (importierten) 7er Serie verkaufte BMW 297 St´┐Żck (+73,7%).

Mercedes-Benz India setzte 1.026 (+9,5%) E-Klasse- und 518 (+108,0%) S-Klasse-Modelle ab. Beide Fahrzeugreihen werden in Indien produziert. Auch Jaguar Land Rover m´┐Żchte von der zu erwartenden

Nachfragesteigerung profitieren und baut sein Vertriebsnetz im Heimatland der neuen MuttergesellschaftTata Motors aus.

Indiens Fahrzeugmarkt hat sich in den letzten Jahren stark ver´┐Żndert; zahlreiche Fusionen und Kooperationen bestimmen das heutige Bild der Branche. Schlagzeilen machte in j´┐Żngster Zeit Tata Motors, der gr´┐Ż´┐Żte Autobauer Indiens. Der Konzern visiert neue M´┐Żrkte jenseits der Landesgrenzen an und setzt dabei auf Billig- und Luxussegmente beziehungsweise Low Cost und High Tech zugleich. Bevorzugte Strategie: Zuk´┐Żufe. Bei den Ford-T´┐Żchtern Jaguar und Landrover griff der Autohersteller im M´┐Żrz diesen Jahres zu. Die Einkaufstour sichert Tata nicht nur den Zugang zu den M´┐Żrkten der Industrienationen, sondern verschafft ihm auch einen Technologievorsprung.

Ein anderes Meisterst´┐Żck ist Tata mit dem Bau des Nano gelungen, ein Auto f´┐Żr umgerechnet rund 1.700 Euro. Das Billigauto soll vor allem eine Alternative zum Zweirad sein, Indiens wichtigstem Transportmittel (Absatz 2007/08: 7,3 Mio. St´┐Żck). Massen indischer Familien kamen im Januar dieses Jahres zur Auto Expo nach Delhi um den Nano in Augenschein zu nehmen. Das Zeug zum Verkaufsschlager hat der Nano aber l´┐Żngst nicht nur in Indien. Tata peilt die M´┐Żrkte anderer Schwellenl´┐Żnder in Asien und Afrika an.

Der indische Fahrzeugbauer Bajaj nahm zusammen mit Renault-Nissan die Herausforderung an und verk´┐Żndete, nun seinerseits ein 1.600-Euro-Auto f´┐Żr den indischen Markt zu entwickeln. Tatas

Expansionspl´┐Żne gehen indes weiter und der Konzern verk´┐Żndete eine verbesserte Version des Nano f´┐Żr Russland und die T´┐Żrkei zu entwickeln. Bereits 2009 soll das Billigauto in der T´┐Żrkei verkauft werden, zwar deutlich teurer, aber Branchenangaben zufolge immer noch f´┐Żr unter 10.000 US-Dollar. Tata kooperiert zudem mit dem brasilianischen Autohersteller Marco Polo und der italienischen Fiat Group.

Im Nutzfahrzeugsegment legt Indien weiter zu, wenn gleich die Wachstumsraten deutlich hinter denen im Pkw-Segment zur´┐Żckbleiben. Im Finanzjahr 2007/08 stieg der Absatz gegen´┐Żber der Vorjahresperiode um 4,1 Prozent auf 487.000 Fahrzeuge. Das Marktforschungsunternehmen Business Monitor International rechnet mit einem Anstieg der Verk´┐Żufe auf knapp 750.000 Nutzfahrzeuge im Gesch´┐Żftsjahr 2012/13. Angetrieben wird dieNachfrage vor allem von der steigenden industriellen Produktion (2006/07: +12,3%) und dem zunehmenden Bedarf an Fahrzeugen zum Personentransport. Gefragt sind im G´┐Żterverkehr insbesondere leichte Nutzfahrzeuge (+11,7%). Ein Grund ist neben den geringeren Anschaffungskosten, dass viele Waren ´┐Żber ein "Hub andSpoke"-System in entlegenere Landesteile transportiert werden.

Der Absatz mittlerer und schwerer Lkw entwickelte sich dagegen mit -5,9 Prozent r´┐Żckl´┐Żufig. Langfristig rechnet die Branche jedoch mit einem Nachfrageanstieg, da immer gr´┐Ż´┐Żere Frachtmengen ´┐Żber l´┐Żngere Strecken auf den neuen Highways transportiert werden. Diese Erwartungshaltung spiegelt sich auch in den Investitionen gro´┐Żer ausl´┐Żndischer Anbieter in diesem Segment wieder. Joint Ventures schlossen Iveco und Tata Motors, MAN und Force Motors, Nissan und Ashok Leyland, Volvo und Eicher, Navistar und Mahindra & Mahindra sowie in j´┐Żngster Zeit Daimler und die Hero Gruppe.

Daimler plant gemeinsam mit dem indischen Zweiradhersteller Hero Group 30 Milliarden indische Rupien (etwa 456 Mio. Euro; 1 Euro = 65,78 indische Rupien, 3-Monatsmittelkurs) in eine Fertigungsanlage f´┐Żr Lkw im s´┐Żdindischen Tamil Nadu zu investieren. Im Juli 2008 unterzeichneten beide Unternehmen ein entsprechendes Memorandum of Understanding. Geplant ist eine Jahreskapazit´┐Żt von 70.000 Fahrzeugen. Gebaut werden sollen leichte, mittlere und schwere Daimler-Modelle, die an den indischen Markt angepasst werden. Medienberichten zufolge soll das Joint Venture langfristig auch Exportm´┐Żrkte im Visier haben. Daimler ist bereits ´┐Żber DaimlerChrysler India mit einem Werk f´┐Żr Mercedes-Benz Lkw und Busse in Pune vertreten. Zudem nahm Daimler Buses in einem Joint Venture mit der indischen Sutlej Motors im 1. Quartal 2008 die Produktion von Busaufbauten auf.

Indien ist heute das zw´┐Żlft gr´┐Ż´┐Żte Pkw-Herstellerland weltweit vor Russland, Italien, Polen und Schweden. Rund 1,8 Millionen Autos, Gel´┐Żndewagen und Vans werden j´┐Żhrlich auf dem Subkontinent gefertigt. Fast alle Hersteller planen ihre Kapazit´┐Żten in den n´┐Żchsten Jahren auszubauen. Marktbeobachter sind sich einig, dass die Produktion in den n´┐Żchsten Jahren stark ansteigen wird. Der indische Fachverband der Zulieferindustrie, ACMA, rechnet 2014/15 bereits mit 3,0 Millionen Personenfahrzeugen pro Jahr. Noch positiver f´┐Żllt die Prognose von Global Insight mit 3,4 Millionen Pkw f´┐Żr 2012 aus.

In der Automobilzulieferindustrie stieg die Produktion 2007/08 um 20 Prozent auf 18 Milliarden US-Dollar bei einem Exportvolumen von 3,6 Milliarden US-Dollar (+25,8%). Mit der zunehmenden Fertigung von Komponenten f´┐Żr ausl´┐Żndische M´┐Żrkte nehmen auch die Anforderungen an die Komponentenzulieferer zu und damit steigt die Nachfrage nach komplexeren Maschinen f´┐Żr die Teileherstellung. Die Investitionen in der Zulieferindustrie sch´┐Żtzt ACMA 2007/08 auf 7,2 Milliarden US-Dollar, f´┐Żr 2009/10 prognostiziert der Verband einVolumen von 10,1 Milliarden US-Dollar, und bis zum Jahr 2015 sollen sich die Investitionen sogar nahezu verdreifacht haben. Wachstumsmotoren der Branche sind die florierende Automobilproduktion im Inland, der Trend zum Outsourcing globaler Originalhersteller (Original Equipment Manufacturer, OEM) sowie das wachsende Ersatzteilgesch´┐Żft. Unter Druck ger´┐Żt die Zulieferindustrie indes durch kosteng´┐Żnstigere Importe aus der Volksrepublik China. Zudem haben mit dem Abschluss des bilateralen Freihandelsabkommens mit Thailand die

Einfuhren von Kfz-Teilen zugenommen.

Indiens Automobilteilehersteller sind breit aufgestellt. Hergestellt werden unter anderem Motorenteile (31%), Antriebswellen und Lenkungsteile (19%), Karosserien und Fahrgestelle (12%), Radaufh´┐Żngungen und Bremsen (12%), Ausr´┐Żstungen (10%) und Elektroteile (9%). Der Wirtschaftsberatung Ernst & Young zufolge entfielen 2006 rund 69 Prozent des indischen Kfz-Teile-Marktes auf OEM, 18 Prozent auf Ersatzteile und 13 Prozent auf den Export. Knapp 40 Prozent der indischen Teileausfuhren werden nach Europa geliefert, rund 37 Prozent nach Nordamerika. Dreiviertel der Exporte sind f´┐Żr den OEM-Markt bestimmt und nur ein Viertel f´┐Żr den Ersatzteilemarkt.

Branchenangaben zufolge beziehen 15 der gr´┐Ż´┐Żten Automobilhersteller der Welt Komponenten aus Indien, darunter VW, Mercedes-Benz, BMW, GM, Ford und Toyota. Die Beschaffungskosten f´┐Żr Kfz-Teile sind in Indien vergleichsweise g´┐Żnstig; zugleich wird die Qualit´┐Żt der Zulieferer als hervorragend eingestuft. Allerdings beeintr´┐Żchtigen vor allem Transportkosten und -zeit die M´┐Żglichkeiten der Produktionsverlagerung nach Indien.

Der bei weitem wichtigste Markt f´┐Żr die Fahrzeughersteller ist das Inland; der Exportanteil ist mit 11,4 Prozent relativ gering. Allerdings d´┐Żrfte die Bedeutung der ausl´┐Żndischen Absatzm´┐Żrkte in Zukunft zunehmen, zum einen wegen der vergleichsweise niedrigen Produktionskosten, zum anderen wegen der Freihandelsabkommen, die Indien mit asiatischen L´┐Żndern geschlossen hat.

Die wichtigsten Produzenten und zugleich Exporteure von Personenfahrzeugen sind Maruti-Suzuki, TataMotors und Hyundai Motor. Bislang werden nur 12,3 Prozent der lokalen Fertigung ausgef´┐Żhrt - vor allem Kleinst- und Kleinwagen, aber auch Gel´┐Żndewagen. Bei Nutzfahrzeugen wurden 10,8 Prozent der lokalen Fertigung auf ausl´┐Żndischen M´┐Żrkten verkauft. Wichtige Ziell´┐Żnder sind Pakistan, Bangladesch, S´┐Żdafrika und Sri Lanka.

Indiens Regierung f´┐Żrdert den Kauf kleiner, umweltfreundlicher Fahrzeuge indem sie die Verbrauchssteuer (Central Excise Duty - CED oder CENVAT) auf lokal produzierte Fahrzeuge mit gr´┐Ż´┐Żerem Hubraum erh´┐Żht. Mit Wirkung vom 13. Juni 2008 fallen zus´┐Żtzlich zu den bis dato erhobenen 24 Prozent nun f´┐Żr Fahrzeuge von 1.500 bis 1.999 m3 Hubraum 15.000 Rupien je Fahrzeug an, bei einem Hubraum von 2.000 m3 oder mehr gilt einspezifischer Steuersatz von 20.000 Rupien je Fahrzeug. Entsprechend angepasst wurde auch die CVD (Countervailing Duty) auf Importwagen.

Im Zuge der drastisch gestiegenen Roh´┐Żlpreise hat die Regierung zudem zum 4. Juni 2008 die Einfuhrz´┐Żlle f´┐Żr Roh´┐Żl und Mineral´┐Żlerzeugnisse gesenkt (Roh´┐Żl von 5 auf 0%, Benzin und High Speed Diesel: 7,5 auf 2,5%, andere Mineral´┐Żlerzeugnisse: 10 auf 5%). Dar´┐Żber hinaus wurde die Mineral´┐Żlsteuer (Central ExciseDuty) f´┐Żr Benzin- und Dieselkraftstoffe um 1 auf 5,5 Rupien/Liter beziehungsweise 1,6 Rupien/Liter reduziert.

Die Nutzung alternativer Brennstoffe bei Pkw beschr´┐Żnkt sich derzeit auf Gas (CNG und LPG). Im Juni 2008 hatte Honda mit dem Civic Hybrid das erste Hybridauto auf den indischen Markt gebracht. Angesichts eines hohen Importzolls und der ohnehin kostenintensiven Technik ist das Fahrzeug mit 2,15 Millionen Rupien (rund 32.700 Euro) relativ teuer. Honda erhofft sich finanzielle Unterst´┐Żtzung von Seiten der indischen Regierung.

Impulse f´┐Żr den Kfz-Markt werden auch vom Freihandelsabkommen mit der ASEAN ausgehen, dass nach langem hin und her in diesem Jahr unterschrieben werden soll. Ein Abkommen zwischen Indien und der EU soll 2009 fixiert werden.

Automotive Component Manufacturers

Association of India (ACMA)

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Tel.: 91 11 2616 0315, 2617 5873, 2618 4479

Fax: 91 11 2616 0317

Email : [email protected] ; [email protected]

Web: www.acmainfo.com


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