' )Asien - Krise um Grundnahrungsmittel
Asien Kurier 5/2008 vom 1. Mai 2008
Asien

Krise um Grundnahrungsmittel

Von Horst Rudolf

Thailand h´┐Żlt seit vergangener Woche wieder einmal den Weltrekord in Leichtlebigkeit und Optimismus. W´┐Żhrend nach einer ersten Hochrechnung der Weltbank weltweit etwa 100 Millionen Menschen von den pl´┐Żtzlichen Preissch´┐Żben des Grundnahrungsmittels Reis bedroht sind, freut sich der thail´┐Żndische Handelsminister Mingkwan Sangsuwan, dass es nun mit der Wirtschaft des Landes rapide aufw´┐Żrts gehen werde. Ein massiver Konsumschub soll folgen, da der Minister ein Viertel seiner Mitb´┐Żrger als Reisbauern identifiziert hat, und bald werde das Land und vielleicht die ganze Region durch Reisexporte vielleicht so reich, wie den Nahen Osten.

Nun, die Thais haben gerade ihr "Songkran", das karnevaleske Neujahrsfest und massiven Alkohol-Konsum hinter sich und au´┐Żerhalb der Hauptstadt sieht man die Situation mehr als n´┐Żchtern. Denn wenn die Medien weltweit Hunger-Demonstrationen in L´┐Żndern wie Haiti, Indien, Bangladesch, Mexiko, ´┐Żgypten, Kamerun und sogar auf den Philippinen zeigen, hat das Feiern wohl ein Ende. Denn inzwischen hat auch der Generalsekret´┐Żr der Vereinten Nationen - selbst ein Asiate - die Krise beim Namen genannt.

Denn innerhalb weniger Wochen hat sich auf den M´┐Żrkten f´┐Żr Reis etwas ereignet, wof´┐Żr die Roh´┐Żlm´┐Żrkte Jahre brauchten: die Preise haben sich in kurzer Zeit massiv nach oben verschoben, teilweise um bis zu 100 Prozent. Gerade die Kurzfristigkeit der Entwicklung hat bei den Betroffenen Panik und bei den internationalen Beobachtern die Bef´┐Żrchtung einer akuten Krise aufkommen lassen. Denn Reis als Nahrungsmittel der Massen ist der ?Symbolmarkt? f´┐Żr ?Soft Commodities?. Hinter der j´┐Żngsten Krise steckt jedenfalls mehr, als Nachfrage und Misswirtschaft.

Die ebenso d´┐Żmmliche Feststellung des neuen thail´┐Żndischen Premierministers Samak, alles sei eine Frage von Angebot und Nachfrage, und die Thail´┐Żnder sollten weniger Reis konsumieren, um den Reisbauern durch verst´┐Żrkte Exporte endlich h´┐Żhere Einkommen zu garantieren, liegt auf dem Niveau seines Ministers - er sollte lieber die Nachrichten verfolgen. Denn schon die Nennung der Philippinen ? jahrelang ein wichtiger asiatischer Reisexporteur ? zeigt, dass es keineswegs eine eindimensionale oder gar einfache Erkl´┐Żrung gibt.

Denn obwohl die Krise f´┐Żr Au´┐Żenstehende ´┐Żberraschend und massiv ausgebrochen ist, sind ihre Ursachen im Gegensatz dazu zumeist langfristiger Natur ? und vor allem extrem vielf´┐Żltig. Und es wird m´┐Żglicherweise noch schlimmer kommen, denn die Reiskrise ist nur eine aktuell in den Blick der Welt geratene Krise. Denn bereits seit Monaten schwelen Getreidekrisen, Stahlkrisen und andere Rohstoffmangel-Krisen, die nicht nur die armen Bewohner der Welt betreffen, sondern auch die besser versorgten - die Rohstoffinflation wird zur allgemeinen Inflation, bei G´┐Żtern, aber auch bei Dienstleistungen.

Die ?logischen? Gr´┐Żnde f´┐Żr die Kapriolen der (Reis)preise sind bekannt:

- Verst´┐Żrkte Nachfrage aus Wachstumsregionen wie China und Indien und vor allem die Verschiebungen im Konsumverhalten von deren B´┐Żrger. Doch schon das Beispiel China zeigt, dass der Teufel im Detail steckt. Denn wer weiss schon, dass das Hauptnahrungsmittel armer Chinesen nicht Reis, sondern Nudeln war, und dass mit steigendem Wohlstand nicht nur mehr Chinesen, sondern auch deren circa 250 Millionen Haustiere inzwischen Reis (fr)essen?

- Ein seit Jahren aufgebauter Kostendruck (cost-push), der sich aus steigenden Energiepreisen entwickelt hat. Die Inflation der ´┐Żl- und Gaspreise ist insofern besonders hinterh´┐Żltig, als ihre Effekte ´┐Żber die Herstellungs- und Transportkosten sich auf fast alle Produkte (z.B. D´┐Żngemittel) und Dienstleistungen ´┐Żbertragen.

- Ein weltweiter Konjunkturaufschwung, nicht nur in den neuen riesigen ?Tigerstaaten? wie Indien, China, Russland und den Golfstaaten, sondern bis vor kurzem auch in den USA und Europa, was bis zum vergangenen Jahr die Kaufkraft und damit auch die Preistoleranz der Konsumenten erh´┐Żhte.

- Der ´┐Żberst´┐Żrzte weltweite Umstieg auf Ethanol und andere Agrarderivate hat nicht nur Knappheiten entstehen lassen, sondern vor allem dazu beigetragen, Produkte der Grundern´┐Żhrung, wie Mais, Getreide und Reis zu Handelswaren umzufunktionieren, die sich nicht mehr am Nahrungsbedarf, sondern am ´┐Żlpreis orientierten.

Eigentlich wollte man das Klima retten, nun nennen es die Experten wie der UNO-Agrarpabst Jean Ziegler und der Finanzspezialist Rick Sentelli von der Warenterminb´┐Żrse CBOT in Chicago pl´┐Żtzlich den "Ethanol-Wahnsinn?.

Zu diesen Faktoren hat sich ein neues "Gift" gesellt, f´┐Żr das die Professoren der Volkswirtschaft noch keine Theorien in ihren Lehrb´┐Żchern haben. Nach der Planwirtschaft und der Ausbreitung der verschiedenen Formen der Marktwirtschaft im Rahmen der Globalisierung gibt es nun eine neue internationale Variante: die "Spekulationswirtschaft" - die weiterhin schwelende Welt-Finanzkrise l´┐Żsst gr´┐Ż´┐Żen.

Seit wenigen Jahren beobachten wir ´┐Żl- und Gaspreise, bei denen auch Fachleute nicht mehr sicher sagen k´┐Żnnen, ob deren H´┐Żhe durch tats´┐Żchliche Relationen von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, oder ob spekulative Engagements in unbekannter Gr´┐Ż´┐Żenordnung den ?Wert? determinieren. Nachdem dieses Spiel ausser Kontrolle geraten ist, liegt es nahe, auch andere Produkte einzubeziehen, auch wenn diese auf mittlere Frist erneuerbar sind. Auf jeden Fall bietet sich schon jetzt an, die Angst vor dem Mangel spekulativ zu nutzen.

Denn trotz Subprimes und Bankenpleiten steht weltweit immer noch zu viel Geld beziehungsweise Kapital zur Verf´┐Żgung: teilweise echtes, teils k´┐Żnstlich geschaffenes. Und mit den j´┐Żngsten Zinssenkungen der ?FED? wird dies auch so bleiben. Warenterminm´┐Żrkte waren lange Zeit ein gutes Mittel der langfristigen Preisstabilisierung und der Risikoverteilung. Doch inzwischen sind auch diese in die H´┐Żnde von Finanzorganisationen und Zockern ´┐Żbergegangen, wobei die Unterschiede nur definitorisch sind.

Fr´┐Żher war es nur eine ´┐Żberschaubare Gruppe von Spezialisten, H´┐Żndlern und Banken, die in Chicago Getreide, Kaffee oder gefrorene Schweineb´┐Żuche ? zumeist wetterbedingt ? auf Termin handelten. Heute kann jeder Sohn reicher Eltern in Odessa per Internet am weltweiten Waren-Termin-Roulette teilnehmen ? und genau dies geschieht auch.

Drei Faktoren bestimmen daher die ?Weltmarktpreise? weit ´┐Żber die fundamentalen Daten hinaus: nicht mehr heutige, sondern f´┐Żr die Zukunft angenommene Wertentwicklungen, die ´┐Żbernahme des Handels (vor allem des Zwischenhandels) durch Au´┐Żenstehende, die an den Waren oftmals gar nicht interessiert sind, sowie die immer st´┐Żrkere Vermischung von Waren-, Informations- und Finanzm´┐Żrkten. Damit bleibt nur zu hoffen, dass verantwortliche Regierungen und Organisationen ihre Hausaufgaben schneller machen als die Professoren.


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